Heute habe ich genügend Zeit mitgebracht und stelle mich auf eine weitere Forschungexpedition ein. Was ich noch nicht weiß, dass heute in mir meine böse und süchtige Seite zum Vorschein kommen wird.

Schon nach kurzer Zeit entdecke ich eine alte Achterbahn (175, 119, 54). Es gibt dort einen Stand mit Nilpferdbratwurst…sehr interessant! Relativ schnell entdecke ich auch die sechs Männer, die auf dem Gelände verstreut stehen. Leider sind es nur Accountleichen. Wenn ich in ihre Nähe komme, erscheint über ihrem Kopf „Don’t bump!“. Ich checke alle sechs Männer und über jedem Kopf erscheint dieselbe kryptische Nachricht. Aber was wäre ich denn für ein Forscher, wenn ich mich nicht auch einmal gegen Regeln, Warnungen und Vorschriften widersetzen würde? Ich laufe mit Schwung gegen einer der Leichen…….ach du sch****! Der Avatar zerspringt in lauter kleine Stücke, eine rote Wolke verpufft über ihm und nun liegt er vor mir. Sein rechter Arm links von mir, sein linker Arm hinter mir, sein Kopf ist etwas weiter weggerollt, genau vor mir liegt der tote Rumpf. Innerhalb von Sekunden war ich vom Opfer zum Mörder geworden. Ich laufe, nein ich fliege so schnell ich kann davon.

Auf meiner Flucht entdecke ich am Boden einen Tiger. Ich erwäge kurz mein schlechtes Gewissen, meine Schuld in Selbstmord zu ersticken. Außerdem wäre das doch mal eine Schlagzeile: „Vom Tiger aufgefressen!“. Meine Schlagzeile muss jedoch noch warten, der Tiger bewegt sich nicht und mehr als auf ihm sitzen, kann ich nicht. Neben dem Tiger steht eine Figur, die mir verschiedene Getränke und Snacks anbietet. Ein Schluck Rum…das würde mein Gewissen auch beruhigen. Nachdem ich mich ausgiebig (und kostenfrei!) bei der seltsamen Figur bedient habe, befindet sich in meinem Inventar neben Tee, Kaffee, Chips und Limonade auch guter Rum, Vodka, Martini, Cocktails, Bier, Wein und Champagner. Ich bin ausgerüstet, mein schlechtes Gewissen von einem nach Rum schmeckenden Schleier umnebelt und so fliege ich weiter.

Ich entdecke wieder einen Mann am Boden und lande (sehr vorsichtig) neben ihm (55, 82, 107). Er bewegt seinen Kopf, woraus ich schließe, dass er keine Leiche ist. Sprechen will er aber auch nicht mit mir. Ich probiere es mit „Hallo“ in mehreren Sprachen, aber die Reaktion bleibt aus. Ob ich noch Blut an den Händen habe? Deprimiert schleiche ich mich davon. Der Rum macht, dass ich mich einsam fühle. Aber an Ablenkung soll es mir heute nicht Fehlen. Direkt hinter der gemeinen Person befindet sich eine gemütlich Sitzecke. Kuschlige, fluffige, bunte Kissen reihen sich um eine große, einladene Shisha-Pfeiffe. Es verblüfft mich auch nicht mehr, dass sobald ich meinen Po in eines der Kissen drücke, mein Avatar sich selbstständig macht und genüßlich an der Pfeiffe zieht. Ach was solls, denke ich mir, wenn es in secondlife auch eine Polizei geben sollte, werde ich bald ins Gefängnis gehen müssen, da kann ich ja vorher nochmal richtig auf den Putz hauen.

Benebelt von allen möglichen Sachen sehne ich mich nun noch mehr nach Gesellschaft. Ich erinnere mich an „mein Zuhause“ und teleportiere zum Bay City Municipal Airport (65, 56, 25). Dort quetschen sich die Avatare nur so in den großen Raum. Manche stehen als Leichen im Weg, viele jedoch sind aktiv, laufen und fliegen durch die Gegend. Ich schleiche mich erst ein wenig durch die Menge und verfolge die Gespräche der anderen. In der einen Ecke ein kleiner Flirt, in der anderen ein Smalltalk, hinten schon ein wenig mehr als ein Flirt, vorne eine Gruppe, die wild tanzend sich gar nicht mehr unterhält. Ich versuche möglichst unschuldig zu gucken (schließlich blitzt durch den Nebel aus Rum und Tabak doch noch ab und zu ein Licht und das schreit „Mord!“). Ein junges, blondes Mädchen spricht mich an (wahrscheinlich ist das junge, blonde Mädchen weit über 40 und alles andere als blond und eigentlich wäre mir das auch lieber, denn die fehlende Altersbeschränkung schockiert mich immer wieder). Wir plaudern ein wenig über unwichtige Sachen und dann bietet sie mir plötzlich die Freundschaft an. Ich will keine neuen Freunde, vor allem nicht wenn ich bald in den Knast muss, lehne ab und fliege davon. Wie feige, denke ich bei meinem Abflug, und wie gemein.

Auf meinem Heimflug sehe ich noch das neue Stonehenge von secondlife (41, 235, 45), einen Vergnügungspark und einen wunderschönen Strand, die beide komplett ausgestorben sind (127, 29, 37) um dann letztendlich den Platz zu finden, an dem ich mit mir und meiner Schuld Frieden schließen kann: Land of the new rising sun (200, 139, 22). Allein beim Klang des Namen breitet sich in mir ein wohliges Gefühl aus. Direkt am Meer liegt diese kleine Bucht. Ein Boot, ein alter, blauer Camper-Van, ein gemütliches Feuer und ein paar Sitzgelegenheiten und ansonsten nur das Rauschen des Meeres und in meinem Inventar Martini, Bier, Cocktails und Chips. Und auch für Besucher, die kein so süchtig machendes Inventar besitzen, steht neben dem Auto eine Kiste mit Bier, aus der sich jeder bedienen kann. Ich knautsche mich wieder auf ein Kissen, entscheide mich für Rotwein und blicke auf Meer. Ich finde unsere nächste Sitzung sollte hier stattfinden!!!!

Erkenntnis des Tages: Jeder hat Leichen im Keller!

Frage des Tages: Wie viel Promille muss ein Avatar haben, um betrunken zu sein?