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Fretwurst Frostbite (Klaus Ungerer)

Vollkommen entkräftet noch, schreibe ich dies. Nie zuvor habe ich mich so weit hinausbegeben. Nie zuvor habe ich meine gesamte feinleibliche Hülle solcher Gefahr ausgesetzt. Nie zuvor aber sind auch die Erträge so hoffnungsvoll, so reich gewesen. Eine letzte matte Runde fliege ich noch, über die Dunkelheit einer leeren Bungalowsiedlung hinweg, über das weithin weiß leuchtende Kreuz mit seiner Suppendose, der man das Wort Christi entnehmen kann, über lichtverlassene, absent dämmernde Hintergärten, eine Straße, die ein Nichts mit einem anderen Nichts verbindet, hin zu meinem provisorischen Basislager für die Nacht.

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Gleich vorm Ausgang der Living Dead Skins habe ich es hindefiniert, niemand wird mich hier stören, ein großer, ganzkörperkompatibler Bratenspieß dreht sich überm Feuer. Dort hinein setze ich mich. Mustere, was aus mir geworden ist. Blutige Flecken im Gesicht, wüst unterlaufene Augen, großflächig ist mein Schädel verfault. Was die Archäologie aus einem machen kann!

Zuviel “ich”, werden Sie jetzt sagen, zuviel persönliche Beteiligung, werden Sie denken, die das Beobachtete überlagert, zuwenig blank geputzte, scharf schneidende Objektivität. Und Sie werden sich in einen Abgrund an Unverständnis stürzen damit. Doch beginnen wir, wenn Sie mögen, am Anfang. Am Anfang meines heutigen Erkundungsflugs, der als Routineeinsatz begann.

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Eher zufällig hatte ich mich am Morgen für die Untersuchung von Harrop Castle entschieden, eines noch gänzlich unerforschten Anwesens. Wenig versprach ich mir hier, und nur leise wisperte das Forscherstimmchen: Vielleicht mehr als jede andere Bauform erlaubt eine Burg Einblicke ins Denken, ins Werden und Vergehen vergessener Gesellschaften, mehr als jedes andere Gebäude spricht die Burg zu uns von Ängsten und Ambitionen der Erbauer, von Macht und von Hass, und weit beredter als jedes sturzklare Denkmal und jede gemächlich verschimmelnde Arbeitersiedlung weiß die wittrige, vielfach geschleifte und wiedererrichtete, über Epochen um modischen Putz ergänzte und eines Tages dann schlagartig verlassene Burg die lange Geschichte vom Aufstieg und vom Fall zu erzählen.

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Nichts wusste ich über Harrop Castle, allein der Name hatte mich gelockt und seine angenommene Abgeschiedenheit, jene Abgeschiedenheit, in der Ruinen zu sprechen beginnen, in der wir den Blick schweifen lassen und die Gedanken zu fliegen anheben – heute weiter als je zuvor, weiter als je ein Archäologe sich wagte. Doch davon war noch nichts zu spüren, als ich im Gelände von Harrop Castle meine ersten Schritte unternahm. Ein kleiner Wald aus dreieckigen Bäumen umgab mich, und wie üblich war ein Verkaufsschild mein einziger Gruß. Ich unternahm jenen ersten Erkundungsspaziergang, der unsere Witterung eicht, wenn wir unbekanntes Gelände betreten, ich vermaß Rasenflächen und überschlug den Aufriss des Grundstücks im Kopf, ich nahm Fotos von Stellwänden, auf denen Anglermännchen mit riesigem Frischfang strahlten. Das gewohnte, sinnlose Chaos bis hierhin, alle Anzeichen panischer Zerrüttung, auf die wir so oft treffen, wenn wir die entleerte, verstoßene Welt von Second Life erkunden.

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Und doch verließ mich ein ungewisser Eindruck nicht: Es gab hier, und ich weiß bis zum Moment nicht, woher die Erkenntnis mir zugeweht kam, gab hier noch etwas Unerforschtes, etwas Großes zu entdecken. Gut Glück beschwörend, stieß ich mich vom Boden ab und begann, im Suchmodus zu schweben. Und nun erst sollte das Geheimnis von Harrop Castle sich mir enthüllen: Zunächst knallte ich mit der Schulter gegen eine schwarze Limousine, die auf einer kleinen Wolke thronte. Dann sah ich das in den Lüften Verborgene: Ein Glaskasten von der Größe einer ausgewachsenen Nationalgalerie schwebte ganz in meiner Nähe, bedeutungsvoll kubisch; jede neurotische Verspieltheit ging ihm ab.

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Dem geschulten, wachen und momentan gerade schwebenden Archäologen war sofort klar, dass dieser Bau eine Weihestätte, ein Tempel gewesen sein musste oder jedenfalls ein Ort kultischer Vorgänge. Sichttransparenz und Unzugänglichkeit verschränkten sich aufs Poetischste, durchs feste Glas waren im Inneren Bäume zu erahnen. Nur ein würfelförmiges Schild auf dem Dach verriet, was den Eindringling, den Gläubigen und Versprengten hier vor Zeiten erwartet haben mochte: “Zombies!”, so schmetterte die vielstimmige Aufschrift mir entgegen, “Zombies!! Zombies! Oh my God, Zombies!” Und als habe dieser Kasten seit ewigen Zeiten auf mich, den arglos sich Nahenden, gewartet, so gelang es mir, traumwandlerisch, nach kurzem Rundflug einen Zugang zum Gebäude zu finden.

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Ich schwebte ein. Der Rückweg schnappte zu. Ich befand mich in einem Dunkel, Nebelwände durchzogen den Quader, verschluckten Bäume, die aus dem schwarzen Boden wuchsen, und gaben sie wieder frei, zogen über ein Feld von eingesunkenen Grabsteinen hin und an zwei stillen Baracken vorbei, auf einem verrosteten Kinderspielplatz schwang unablässig eine leere Schaukel: Besser, schloss ich, hätte man nirgends einen Glauben an lebende Tote, an laufende, röchelnde, schmatzende Leichname inszenieren und zelebrieren können als hier. Ich wusste: Dies war einer der Momente, einer der Orte, an denen der unausgebildete, der Amateurforscher eine Emotion von Angst hätte ausbilden können.

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Nachdem ich das Gelände gründlich erkundet hatte, nicht ohne von einigem Geschepper und vorbeiziehenden Raucherscheinungen verblüfft worden zu sein, entschied ich mich, eine der kargen Holzbaracken zu betreten. Auf alles vorbereitet und voller Neugier überschritt ich die Schwelle, dabei immer den einen, sich aufdrängenden Gedanken im Kopf, der noch jedes Bauwerk zu enträtseln geholfen hat: Cui bono? Wem nutzt es? Was bei Tempeln, Kirchen, Königsgräbern und Bankenhochhäusern so offen zutage liegt, hier verhüllte es sich noch: Wer, so fragte ich mich, hat einen Vorteil ziehen können aus diesem Gebäude? Und für einen verstörenden Moment durchflog mich ein Gedanke wie aus dem Clipboard kopiert: “Zombies!”, dachte ich, “Zombies! O my god, Zombies!”

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Jedoch, alles blieb ruhig. Gelegentlich regten sich unerklärte Schallwellen aus dem Jenseits, doch folgte nichts aus ihnen: Kein zerfressener Körper erhob sich. Keine Tür schwang auf, um Monstren preiszugeben, kein Kadaver stürzte von der Decke auf mich. Vielmehr war ich Plakaten überlassen und einer Entscheidung grundlegender Natur: “Touch me to fight Zombies”, sprach die eine Stimme zu mir: Berühr mich, um Zombies zu bekämpfen. Und dialektisch riet das zweite Plakat, geziert von der zerfallenen Fratze eines Leichnams mit größeren Fehlständen im Gebiss: “Touch me to become a Zombie”. Berühre mich, um ein Zombie zu werden.
So war ich, als bloßer Beobachter angereist, unversehens in eine Entscheidung gezwungen. Ein drittes Plakat “Berühre mich, um heillose Flucht zu versuchen” fehlte ganz ohne Zweifel. Und ich wusste: Vom Leben und seinen Freuden abgeschnitten, in eine Auseinandersetzung zwischen Zerfall und immerwährendem Endkampf gedrängt, so stand sicher auch der Besucher dieses Ortes vor Zeiten hier.

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Fragen stoben in glitzernden Wolken durch meinen Geist, die auffälligste aber war diese: Warum mochte ein Ort wie dieser errichtet worden sein, welches Motiv kann es je gegeben haben, ihn aufzusuchen? Die Welt da draußen, mit ihren bunten Landnahmeschildern, ihren endlos im Wassergeplänkel kreisenden, hausgroßen Quietscheenten, mit ihren immerleeren, immerbereiten Karussells und kopfstehenden Häusern, sie war versunken und ausgelöscht, stand man hier.

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Waren also die Probanden hier Opfer einer grausamen Gesellschaftsordnung, waren sie Gladiatoren, die dem Spektakel und der blutigen Unterhaltung dienten? Die Inspektion hatte keine Kameras, keine Spur von Publikumszutritt erbracht. Wer hier gegen Leichname stritt, stritt allein und für sich. Warum aber, warum? Lange Minuten stand ich da, den Blick unverwandt an die Zombiefratze geheftet. Ihren verrotteten Schädel, ihre frei schlackernden Muskelstränge und die leeren Augenhöhlen mit Interesse musternd, fand ich mich einsinkend in Randfragen, Grundlagenfragen der Existenz, einfache und doch so bedeutsame Fragen, die aber nach und nach leiser wurden und verstummten, die einem Puls wichen, einem surrenden Rhythmus, der ohne Worte war und der zu mir gehörte. Und wie ich am tiefsten gesunken war, schoss eine Eingebung durch den Raum: Dieser Ort war nicht irgendein weiterer Fund, ein weiteres kurioses Schmuckstück für die Schatztruhe archäologischer Rätsel. Ich war hier, die Geschichte der Archäologie im Gepäck, stehend auf den staubbedeckten Schultern von Riesen, an einen Wendepunkt gelangt.

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Es war dies der Moment, eine lange insgeheim gehegte, grundstürzende Hypothese auf den Prüfstand zu stellen: Über Jahre hatte ich, mehr spielerisch denn arbeitsmäßig, mehr im Grenzland zum nächtlichen Traum denn in Büros und an Grabungsorten, mehr sorglos spekulierend denn im Schlagabtausch der Konferenzrunden, eine neue Forschungsmethode, mir selbst zur Freude, entwickelt: Ich nannte sie die “empathische Archäologie”.
Wie oft stehen wir in unserer Praxis vor erratischen Artefakten, betreten wir Orte, die ihren Sinnzusammenhang verloren haben. Wie oft wird über Jahrzehnte versucht, aus Krümeln und Scherben die Seele des Vergangenen herauszulesen. Dies zu überkommen, hatte ich die “empathische Archäologie” entworfen: Man müsse, so der Kern der Überlegungen, wenn man die Existenzen, die einen Ort geschaffen und bevölkert haben und die lange verschwunden sind, nicht mehr beobachten und befragen könne, man müsse, da auch ihre Phantome flüchtig seien, selber zu einer dieser Existenzen werden. Müsse benutzen, was sie benutzten, müsse gehen und stehen, wo sie gingen und standen, müsse alle Theorie, alles Vorwissen vergessen, sich fallen lassen in ein neues und uraltes Selbst…

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Ehe ich mich besonnen hatte, war mein Arm vorwärtsgeschnellt. Ehe Ahnungen auf mich herabstürzen und rettende Angstlähmung mich ergreifen konnte, war es geschehen: Ich hatte ein Plakat berührt. Und: Ich war zum Zombie geworden. Blutige Flecken im Gesicht, wüst unterlaufene Augen. Großflächig war mein Schädel verfault.

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Und ich schritt in die neblige Nacht hinaus, ich torkelte zwischen Gräbern, starr und stumpf, ein Keuchen und Röhren entrang sich mir, eine Lust zu zerstören entflammte. Ich trat gegen Bäume, ich sprang auf rostige Container, jagte fliehende Nebel. Oh, wenn es hier etwas zum Töten gegeben hätte! Man hätte morden, gurgeln, zerhacken mögen, man hätte…

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Tot und zerfallen, hätte man leben mögen. Endlich leben. Man hätte die Karussells zerstören und mit Blut und Galle schänden mögen, hätte die Monsterquietschenten quälen und versenken mögen, triumphal grunzend umtreten sämtliche Werbeschilder. Ich hielt inne. Spürte ich ein Leben? Hatte ich eine Ahnung einer anderen Welt erhalten? Und, analytisch gefragt: Waren die Bewohner von Second Life nicht, ihr kleines Seelenheil wahrend, geradezu gezwungen gewesen, sich einen Ort wie diesen zu schaffen? Hatte nicht jede Sekunde ihres Daseins, hatte nicht jede Umdrehung der Werbeschilder, jedes Quietschen der Karusselle, jedes künstliche Vogelpiepen aus dem Nichts sie der Verzweiflung und dem Wahnsinn nähergebracht? In diesem Moment war es mir beklemmend klar.

047In diesem Moment war ich einer von ihnen, ausgeliefert dem strudelnden, bunten Irrsinn, der sie vom synthetischen Morgen bis zum synthetischen Abend umgibt, erfüllt von synthetischen Ängsten. Ich hatte tief geblickt. Eine große Verzagtheit beschlich mich, und auf keinen Fall wollte ich auch den nächsten Nebel noch über meine Hülle wandern sehen. Ich stürzte mich in ein Feuer, das den Ausgang bedeutete. Der kühle Abend empfing mich. Hysterische rosa Discokugeln glänzten und rollten halb himmelwärts. Leuchtschriften zogen dahin. Unbenutzte Fahrzeuge standen schief zwischen bläulichen Hügeln. Mich fröstelte. Ich fragte mich, ob ich meine Zombiehaut jemals wieder würde ausziehen mögen.