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über onespace, zale erzählt man sich an den langen, langsamen abenden, wenn die luft hier unten in second life zu schwer für jede bewegung ist, wenn sie einen festbäckt auf dunklen flechtengewächsen, die je länger man hinstarrt, sich umso mehr zu bewegen scheinen. kleine schlangen, so hofft der abenteuerhungrige avatar, sieht er, die sich um seine ach, ganz gelähmten beine winden, bis er schließlich – überzeugt in einer natternanimation zu versinken – seinen mund zu einem lautlosen schrei aufreißen will, aber auch das nicht kann, sondern wie alle hier zu diesem ewigen freundlich erstaunten mund verdammt ist, dann, an solchen abenden erzählt man sich hier unten in second life gerne die geschichte von onespace, zale.

onespace, zale soll einmal einer der quirligsten treffpunkte von avataren gewesen sein. zahlreiche händler sollen hier staunend kichernden avatarliebespaaren ihre neuesten entwicklungen, allerlei romantische gesten angepriesen haben, alle nur erdenkbaren arten von kussanimationen, mit oder ohne zartes eröten, mit seufzern oder programmierten schwächeanfallen, und ab und an sollen paare in tiefroten orientalischen zelten verschwunden und erst nach stunden mit hochroten köpfen wieder herausgekommen sein. dann sollen sie tief zufrieden hoch geschaut haben, in den himmel über onespace, zale, an dem zu jeder vollen stunde feuerwerke loskrachten und der erfüllt war von flackernden lichtern, dem nie endenden chatgeplänkel der avatare und dem smilie-lachen und -kreischen von kinderavataren, die bis tief in die nacht von klettergerüsten baumelten, was sie gar nicht durften. das, so erzählt man sich, soll einmal onespace, zale gewesen sein.

eines tages aber sei ein fremder avatar erschienen. keiner hatte ihn je zuvor in onespace, zale gesehen. auf einem ungelenken schimmel soll er dahergeschwebt sein, eine stramme, stolze gestalt, die sich jedoch bald als äußerst unglückliche, geknickte und gezackte kreatur erweisen sollte. wochen, ja monate schon soll er herumgezogen sein, auf der suche nach seiner liebsten, welche auf mysteriöse weise für immer verschwunden schien. der anblick des fröhlichen treibens in onespace, zale habe dem fremden den verstand geraubt. man erzählt sich, dass er erst sinnlos um sich geblickt habe, dann den himmel erfüllt habe mit großbuchstaben: ICH WILL EINE STIMME! EINE STTTIIIIIIMMMME! ICH WILL MEIN UNGLÜCK HINAUSSCHREIEN! ICH WILL EUCH IN DEN TOD BRÜLLEN! ICH TIPPE HIER SO LANGE, BIS ICH EINE STIMME BEKOMME! HAAAAAA! alle anderen avatare erstarrten in ihren animationen. keiner tippte ein wort. die avatarkinder hielten sich am klipp fest. als plötzlich die luft wie elekrisch aufgeladen zu knacken und zu knistern begann, als man ein gewaltiges keuchen hörte, ein heftiges atmen, wie von einem gigantischen tier etwa, und dann ein so schlimmes getöse onespace, zale erfüllte, wie es sich bislang keiner auch nur auszumalen vermocht hatte, und die köpfe der avatare in grünen flammen standen, und ihnen allen binnen sekunden der verstand geraubt wurde, sie übereinander herfielen und sich gegenseitig in wildem rausch zu zertreten suchten.

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der letzte überlebende aber, welcher jener fremde avatar gewesen sein soll, soll ihre sterbenden avatarkörpern noch zu grausamen opferspielen gebraucht haben. und manche sagen auch, sie seien gar nicht tot, sondern seien noch heute verdammt dazu, den moment des sterbens auf ewig zu erleben, arrangiert in absurden, abstoßenden posen – auf onespace, zale. und jeder avatar, der sich diesem verwünschten ort nähert, würde ihr schicksal teilen. das erzählt man sich von onespace, zale.

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die legende von onespace, zale gilt als eine der zahlreichen mythen, die zur entstehung des modernen avatars in second life herumschwirren. sicher ist, dass die begegnung mit stimmen von außerhalb der eigenen welt zu einer phase wilder spekulationen führte. woher kamen diese stimmen? waren sie göttlicher natur? kamen sie von solchen göttern, die die avatare selbst einmal waren? kamen sie von göttern, die es nicht erwarten konnten, ihr erstes leben hinter sich zu bringen, um im zweiten nochmals wiedergeboren zu werden? oder wollten diese stimme die avatare warnen? doch wovor? vor schlechten pizzaservices etwa, wie immer wieder von den stimmen zu hören war? erst allmählich verbreitete sich die für alle avatare gewiss demütigende erkenntnis über die wahre natur dieser stimmen: das wissen über accounthalter. dass wissen darüber, dass jeder avatar, in absoluter abhängigkeit von diesem, seinem accounthalter lebt. manche avatare versanken in traurigkeit und depression. manche beteten ihren accounthalter an, manche beschimpften ihn, (so wie ich es regelmäßig tue), manche kindische naturen drohten gar damit, ihn eines tages umzubringen. auf jeden fall muss der moderne avatar stets mit dem beunruhigenden wissen umgehen, dass er nicht herr über sich selbst ist. und aus diesem bewusstsein heraus, erwächst oftmals ein stark romantisierender blick auf die vergangenen epochen, eine sehnsucht nach einer primitiven avatargesellschaft, die vielleicht nichts weiter ist als ein pures überlebenskonstrukt der modernen avatargesellschaft, und die nicht selten dazu führt, dass auch heute noch mythen wie jene über onespace, zale sehr viel ernster genommen werden, als man es von aufgeklärten avataren erwartet.

das erklärt, warum auch heute noch die meisten avatare das gebiet um onespace, zale meiden, ja sich geradezu weigern, auch nur in die nähe davon gehen. so dass mir also nichts anderes übrig blieb, als allein aufzubrechen. ein alter führer zeigte mir noch auf der karte den weg: von unserem forschungscamp aus würde ich mich durch ein kleines, scheinbar kitschig idyllisches wäldchen durchzukämpfen haben, richtung nordosten, „aber meide den südwesten”, schärfte er mir ein. denn dort würde ich nur an einer großen undurchdringbaren nebelwand stranden, wo noch weitaus schlimmere geister als jene von onespace, zale ihr unwesen trieben. ich nahm mir vor, nach meiner rückkehr auch diesen ort einmal aufzusuchen. dann sollte mich mein weg durch eine große, weite steinwüste führen, von der an mehreren stellen breite betonierte auffahrten abzweigten, die ich ebenfalls – wegen sogar noch viel schlimmerer geister – keinesfalls betreten sollte. später sollte sich die landschaft nochmals verändern. statt auffahrten ragten nun gigantische futuristische gebäude oder gewächse in die luft, auch diese sollte ich auf jeden fall ignorieren, wenn ich onescape, zale lebendig erreichen wollte. unglaublich, dass die gesamte route nicht viel mehr als einige hundert meter betrug, onescape, zale also in untermittelbarer nähe unseres forschungscamps lag, und ich dennoch die reise als äußerst strapaziös in erinnerung habe.

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alle details jedoch wurden durch den anblick, welcher sich mir in onescape, zale bot, komplett ausgelöscht. wie soll ein forscher auf funde reagieren, die ihn zutiefst empören und abstoßen? wie soll er seine gefühle soweit unter kontrolle bringen, dass er mit der gebotenen sachlichkeit seine entdeckungen beschreiben kann, ohne andererseits als zyniker beschimpft zu werden? ich weiß noch, wie ich im ersten moment unwillkürlich zurückwich, wie ich im schwindel weit fortzurennen suchte, nur um über ein paar wild kreisende avatarkadaver zu stolpern. diese vollführten einen grotesk anmutigen tanz auf einem miniatur-fußballfeld auf. mit grausen blickte ich nach oben, wo abgehackte arme als sonne flammten. innerhalb eines merkwürdigen stangengebildes, auf welchem große schallplatten rotierten, waren wiederum andere avatarleichen drapiert. sechs kadaver fungierten als uhrzeiger. inmitten dieser verstörenden szenerie waren ein paar gewaltig aufgepumpte sowie klein geschrumpfte avatareleichname aufgestellt. als völlig unpassend empfand ich, dass von hoch oben ein fröhliches lachen und prusten zu hören war. vermutlich von meiner zynischen accounthalterin. in der ferne leuchtete ein schild: „little hope mission”

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natürlich war mir bewusst, dass schilder, welche am rande von gespenstischen szenerien warten und in diese hineinleuchten, um dort angsterfüllte avatare mit ebenso aufgeladenen wie vagen versprechungen weiter zu locken, dass solche schilder meist nichts gutes verheißen. und so machte mich das versprechen auf hoffnung eher beklommen als erleichtert. dass der kurze tag in second life schon längst zu ende gegangen und die dämmerung wie ein schwarzes schwert auf mich herabgefallen war, machte die sache nicht besser. das schild hing an einer scheune, die zu einer primitiven kirche umstaltet war. das ganze gebäude war von wasser umgeben, aus dem wasser heraus führte ein breite freitreppe aus holzimitat. die zeit lief hier rückwärts, wollte eine wanduhr über dem großen tor glauben machen. hinter ihm lag ein erleuchteter raum mit kirchengestühl. heute ist es kaum noch vorstellbar, dass hier einmal die reihen gefüllt gewesen sein müssen, mit hunderten von avataren, die alle dieselben gebete in den himmel tippten und sich über instant messages heimlich schweinereien zuklapperten. heute lag die scheune verlassen da. wie sollte man auch zu ihr gelangen? kein boot, nichts. schwimmen? von wegen. über dieses merkwürdige wasser konnte man nur gehen – wie jesus, dachte ich. also hatten in dieser kirche einmal lauter jesus-avatare gesessen. zögernd betrat ich die kapelle. und entdeckte – freudig erregt – einen ureinwohner.

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einen tatsächlichen avatar, welcher in eine regungslos eckige andacht versunken im kirchengestühl saß. vorsichtig näherte ich mich ihm, er schien sich an meiner gegenwart keineswegs zu stören, vermutlich bemerkte er mich nicht mal. auch nicht, als ich mich neben ihn setze. erst als ich mich auf ihn setzte, sagte er plötzlich: empty at your place? attract traffic! have a human touch! don’t be alone! have some artificial friends and attract some new human friends. people go where it lives. you are offline, but ‘sombody’ is still at your property. hello, i’m your artificial avatar.”

reflexartig grüßte ich zurück. was für ein glück: ein ureinwohner, ein gesprächsfreudiger ureinwohner. wenn auch der sinn seiner rede noch etwas dunkel erschien, sie war nicht mehr zu stoppen: als artifizieller avatar ziehe er besucher wie mich an, weil er haargenau wie ein menschlicher avatar aussehe. er sagte tatsächlich „menschlicher avatar”. und: war es nicht so, fragte mich der artifizielle avatar, dass du hier herkamst und du dachtest: hier ist schon wieder keiner.” ich nickte. er fuhr fort: und dann dachtest du, hey stop, da ist ja doch jemand. und dann dachtest du: hey, da muss ich mal näher ran, und das checken. und dann dachtest du: hey, ja, da ist ja tatsächlich jemand. und dann dachtest du: hey, na das ist ja ein ding. und dann dachtest du, …
… hey, unterbrach ich ihn, dann dachte ich, den muss ich mal fragen, was er mit „menschlichen avataren” wie mir eigentlich anzufangen gedenkt. „so many utilizations”, murmelte er und „AA could be animated” und: du kannst mich kaufen. ich bin nicht so teuer. ist es leer auf deinem land? zieh Leute an! gib deinem land einen menschlichen anstrich. sei nicht allein. such dir artifizielle freunde und finde durch sie neue menschliche freunde. leute gehen dahin, wo es belebt ist. Wenn du offline bist, bin ich immer noch da …. Und so redete er und redete, während ich überlegte: hatte dieser ureinwohner womöglich ein viel weiter entwickeltes bewusstsein als wir sogenannten menschlichen avatare? sprach ich hier wirklich mit einem urahn oder vielleicht doch eher mit einem nachfahren? ein spannender gedanke, den zu ende zu denken mir leider nicht vergönnt war, denn ich hörte plötzlich von oben eine laute stimme rufen: „ja, o.k., ich geh gleich noch milch holen”, und wie so oft, waren dies die letzten worte, die ich hörte, bevor mir die sinne schwanden.