Teleport zur Reuters-Insel

Forschungsleiterin im Anflug auf verlassene Reuters-Insel.

Forschungsleiterin im Anflug auf verlassene Reuters-Insel.

Der Magen knurrt, die Augen brennen, doch der Forscherdrang ist stärker: Am 23. Oktober um 12:38 setze ich zur Landung an, Thomson Reuters 126, 100, 25, ein Gebiet von 58768 Quadratmetern.

Auf der Avatarrampe

Schoben sich über diese Rampe einst Avatarmassen auf die Insel?

Eine Tafel deutet darauf hin: Hier muss einmal etwas stattgefunden haben. Oder: Hier muss einmal geplant gewesen sein, dass etwas stattfindet. Aber was? Die grüne Tafel rechts dahinter sagt uns, dass hier mit der Ankunft von Frisch-Avataren, die noch gar nicht richtig laufen konnten, gerechnet wurde. Frisch-Avatare, denke ich. Frisch-Avatare auf einer Brücke, denkt die Gründerin der accountleichenbewegung.de, hm. Wenn da nicht der eine oder andere hier hops gegangen ist, über die Leitplanke geschubst wurde oder unfreiwillig juchzend selbst gesprungen ist und nun als Accountleiche für immmer hier unten im Ozean rumliegt. Wartet, rufe ich ins schillernde Meer, wartet liebe unbekannte Mitglieder der accountleichenbewegung.de, ich komme später wieder. Und forschernd sprinte ich weiter. Nach den Movement-Tipps kommen die Zooming-Tipps, die Chatting-Tipps, die Instant-Messaging-Tipps, die Appearance-Tipps und spätestens hier dürfte es – bei regem Besucherstrom – zu einem kleinen Stau gekommen sein, dürften sich selbst hübsch machende Avatare den Weg verstopft haben. Und das nächste Schild: “Where to Drive – Keep the road safe for pedestrians” lässt ahnen, dass es nicht ganz ungefährlich war, ausgerechnet auf der Brücke an sich rumzubasteln.


Bank mit Aschenbecher, einem ebenso beliebten wie rätselhaften Kultobjekt in Second Life.

Bank mit Aschenbecher, einem ebenso beliebten wie rätselhaften Kultobjekt in Second Life.

Jene glücklichen Frisch-Avatare, welche die Insel wohlbehalten erreichten, ruhten sich dann wohl auf einer der vielen, auch heute noch lauschigen Parkbänke aus, um über Nutzungsmöglichkeiten der großen Aschenbecher zu philosphieren.


Noch voll funktionsfähig: Der Teleport im Reuters-Hauptgebäude.

Noch voll funktionsfähig: Der Teleport im Reuters-Hauptgebäude.

Oder sie stürmten gleich weiter ins Hauptgebäude. Der praktische Teleport dort funktioniert noch heute. Warum ihn also nicht benutzen?


Ist Herr Top News wirklich ein First-Life-Wesen?

Herr Top News: Avatar, First-Life-Wesen oder was sonst?

Es katapultiert mich ins Herz des Gebäudes und ich erkenne, dass dieses offenbar der Betrachtung merkwürdiger Wesen ungeklärter Herkunft gedient haben muss.

Viele Forscher halten Herrn Entertainment für eine rein digitale Persönlichkeit.

Viele Forscher halten Herrn Entertainment für eine rein digitale Persönlichkeit.

Von schräg gegenüber grüßt Herr Entertainment. Da überall Bänke sind, nehme ich an, dass hier einst Avatare saßen und die Fotos dieser skurrilen Wesen andächtig in sich aufsaugten.

Wesen mit Hautproblemen?

Andere Wesen scheinen unter Hautproblemen gelitten zu haben.

Nicht alle Dargestellten haben Namen. Manche glitzern nur. Auffällig ist, dass sie alle sehr groß sind, viel größer als wir Avatare. Und zwar so groß, dass sie kaum je in dieses Gebäude passten. Daher wurden sie vermutlich auch niemals eingeladen, doch mal vorbeizuschauen.

Fahne mit noch nicht dechiffrierter Bildersprache

Fahne mit noch nicht dechiffrierter Bildersprache

Noch nicht entschlüsseln konnte ich eine Fahne, welche mit Second Life untertitelt ist. Bäume, ein Windrad, eine Uhr (deutet diese eventuell auf die ablaufende Lebenszeit von Second Life hin?). Kollegen, Forscherfreunde, da werden wir noch lange dran zu knobeln haben. Eine Idee saust mir aus dem Kopf: Marschieren wir hier in Second Life womöglich nur durch ein gigantisches Buch, dessen Sprache wir nicht kennen? Ich werde zu dieser Theorie noch einen gesonderten Bericht verfassen müsssen.

Etwaige Nachbarn hielt man sich während des großen Baubooms gerne durch extreme Insellagen vom Leib.

Etwaige Nachbarn hielt man sich während des großen Baubooms in Second Life gerne durch extreme Insellagen vom Leib.

Nachdenklich schaue ich nach draußen über das endlos weite Meer, das mir seine merkwürdigen Fragen zurauscht: Wieso recken sich ausgerechnet hier, mitten im Nichts, diese merkwürdigen Wolkenkratzer in den Himmel, wieso nicht da, wo es schon Land gibt, wo auch manchmal der eine oder andere Avatar rumhüpft? Gute Frage, rufe ich dem Meer zu und renne davon.

Ein Blick auf leerstehende Bürogebäude

Teilweise bieten Bürogebäude Schutz vor quälendem Meerblick.

Auf der anderen Seite gucken die beanstandeten Wolkenkratzer zum Fenster rein. Ob in denen noch irgendwo ein vergessener Insolvenzverwalter werkelt?

Die Forschungsleiterin bleibt an Fensterscheibe hängen (natürlich eine gestellte Situation)

Die Forschungsleiterin bleibt an einer zu sauberen Fensterscheibe hängen (gestellte Situation!)

Als ich raus will, fällt mir das erste Mal auf, dass diese vorgeblich so frisch-avatarfreundliche Insel auch eine ebenso beliebte wie perfide Avatarfalle bereithält, nämlich brillant geputzte Fensterscheiben. Sie tun mir heute noch leid, die früheren Besucher dieser Insel, die in ein angeregtes Gespräch mit einem hoch anregenderen anderen Avatar vertieft ins Freie hüpfen wollen und dann – bumms, bleiben sie an der Scheibe kleben – während ihr Gesprächspartner fröhlich nach draußen ruckelt. Wie peinlich! Und wie gut, dass heute keiner mehr da ist, der einen dabei beobachten könnte.

Können Avatare im Sitzen besser Zuhören?

Können Avatare im Sitzen besser zuhören?

In einem der anderen Gebäude finde ich das Auditorium. Hier haben einmal die Office-Hours stattgefunden. O.K. Aber was sind Office-Hours? Tja. Alles, was wir sehen, ist, dass hier viele Avatare eng nebeneinander gesessen haben müssen und wahrscheinlich … ja was? … vielleicht miteinander tuschelten? Das letzte Mal jedenfalls am 11. Februar 2009. Dann war Schluss.

Forscherin versucht sich erfolglos als Fensterreinigerin

Forscherin im Aufwind

Da es keinen Teleport gibt, schwebe ich die Fassade nach oben, um die anderen Stockwerke zu durchsuchen. Die Fenster lassen keinen Einblick zu, aber ganz oben, gibt es einen kleinen Spalt, durch welchen ich meine Kamera hinablassen kann.

Skandalöser Gebäudeeinblick

Skandalöser Gebäudeeinblick

Die Aufnahme zeigt: Das Gebäude besteht zum großen Teil aus Luft. Nur in einem Zwischengeschoss ist ein großer Bildschirm untergebracht. Vielleicht ein Fernseher zum Fußballgucken für die Handwerker? Oder ein Überwachungsmonitor? Ob ich in den anderen Hochhäusern noch mehr Luft finde?

Schwindelnde Höhe

Auf der Suche nach einem Eingang

Das ist nun nicht so leicht herauszufinden, denn die anderen Bürogebäude sind hermetisch abgeriegelt, kein Schlitz, kein Mauerritz, keine eingeworfene Fensterscheibe, nichts.

Bleierne Büroatmosphäre im Innern der Wolkenkratzer

Bleierne Büroatmosphäre im Innern der Wolkenkratzer

Egal! Ich bohre meine Spezialkamera durch die Außenwand. Knips! Reingraue Bilder erhalte ich zurück. War der Büroalltag hier wirklich derart trist? Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass diese Häuser vielleicht erst an jenem 11. Februar, dem Tag der letzten Office-Hour, mit jener grauen Masse gefüllt wurden? Wurde (aber von wem nur?) ein Betonbrei in sie hineingegossen? Und wurde damit all den dort schuftenden Avataren mitten in ihrer Arbeitsanimation der Atem genommen, wurden sie binnen Sekunden auf ewig in einer Arbeitssituation festgebacken? Das wär’ vielleicht was! Dann könnten wir Forscher, wenn wir diese Häuser nur freiklopften, ein unglaubliches Wissen bergen. Freunde, so muss es sein! Davon bin ich überzeugt. Denn dass diese Gebäude hier immer schon nichts als massive Klötze waren, welche vollkommen sinnlos den Blick aufs glitzernde Meer versperrten, so, also so kann es ja wohl nicht gewesen sein. Oder etwa doch?

Muji will telefonieren

Avatarfalle öffentliches Telefon

Im Eifer dieser Entdeckung sause ich nach unten und hinweg und mitten in eine weitere Avatarfalle hinein: Das öffentliche Telefon. Ich zerre, zurre und klicke am Telefonbuch. Die Welt soll erfahren, was hier passiert ist und jetzt unter die Wolkenkratzer-Texturen gekehrt wird! Es tut sich aber nichts. Auch der Telefonhörer pappt fest. Ja, träum ich denn? Einen dieser elenden Träume, in welchen man selbst die gelähmte Hauptperson zu spielen hat und in denen man sich nichts sehnlicher wünscht, als endlich aufzuwachen? Erging es anderen hier in dieser Telefonzelle schon genauso. Und wachten die dann auf? Sind sie deshalb weg? Bin ich der letzte Avatar in diesem Traum?