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Berlin City. Das älteste Berlin in Second Life, sagte ein Schild, welches den Begriff gleichzeitig kreuzte mit rotem Strich. Wie nun war ich hier hergekommen? Wie viele Berlins mochte es geben in Second Life? Und: Wenn ich das jüngste Berlin davon finden würde, wäre ich dann nicht dem Leben selbst, das es hier einmal gegeben haben musste, näher gerückt?

 
 
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Ich beschloss, die Stadt zu untersuchen, und machte mich mit ihrer unvergleichlichen Prachtstraße bekannt, dem Kurfürstendamm, dessen Schönheit sich nicht auf den ersten Blick gleich anbiedert. Es ist eine Schönheit, die sich entfalten können muss über Stunden und Tage – bis auch die hartnäckigsten Beobachter aufgeben und verschwinden. Dann aber, wenn alles leer ist, so weiß eine alte (wenn nicht die älteste!) Berlinsage von Second Life, dann erheben sich Kirchtürme und Fernspargel aus dem grauen Boden, beleben sich die Wege mit lustwandelnden Phantomen, dann hebt ein Summen und Brummen sich in der pulsierenden Stadt.

 

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Einstweilen brummte es nur aus den unablässig kreisenden Bären, die eine treusorgende Seele hier, dem Fremden zum Trost, hinterlassen hatte. Meine Eindrücke von Berlin fügten sich allmählich zu einem Ganzen: Bären schienen eine zentrale Rolle zu spielen im Geistesleben der Stadt (Vielleicht waren sie es, die, kecken Wildschweinen gleich, die Einwohnerschaft unwillentlich vertrieben hatten?). Zweitens: Weiß und Blau, dies waren die Farben Berlins, unübersehbar, in Rauten geschnitten. Weiß, das mussten die Wolken sein, die Berlin überflogen, und blau, das sah man ja, lag das Meer.

 

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Der empathische Archäologe in mir begann zu verstehen, er begann, die Liebe zu dieser wundervollen Metropole, die dies einmal gewesen sein musste, in sich wachsen zu fühlen. Berlin! Das älteste in Second Life und somit gewiss das Vorbild für all die anderen! Ich verstand. Die Stadt und ich, wir waren eins. Ich begriff: Dies war ein Ort voller verführerischer Möglichkeiten und genialischer Träume. Man muss selbst dort eingesunken sein, um es nachvollziehen zu können.

 

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Das Unfassbarste an Berlin aber: Es gab einen Einwohner zu bestaunen! Einen echten und leibhaftigen Berliner wie sie einst scharenweise hier umhergeflogen sein mussten. Hierhin und dorthin verfolgte ich ihn, umflog und stupste ihn an: Eins war ja klar. Er konnte auf keinen Fall echt sein, er war eine lebendige Autoprojektion ins Gehirn des suggestiblen und ergebnisoffenen Forschers – und somit ein weiterer Beleg für die Möglichkeiten der von mir begründeten Empathischen Archäologie. Ich flog es an, das Geisterwesen, ich rumpelte gegen. Und eine Stimme in meiner Einbildung sagte: “Kann ich dir irgendwie helfen?” Nein! Musste da die Antwort heißen. Denn einem einsamen Forscher ist noch niemals zu helfen gewesen: Ihm allein gehören die Fakten, er wertet sie aus. Das Verstehen obliegt keinem andern.