Zwischen zwei Expeditionen sitze ich in meiner kleinen Eckkneipe. Vor mir steht ein kühles Blondes aus einer ortsansässigen Brauerei. Ich freute mich, ein Deutscher mit einem schönen roten Reisepass zu sein. Den will allerdings niemand in der Virtualität von Second Life sehen. Was unterscheidet den deutschen Bundesinnenminister von einem gewöhnlichen Avatar in Second Life? Ohne den Vorwurf einer heimlichen Online-Schnüffelei stöbert der normale Avatar unbemerkt in meinem Profil und denkt sich seinen Teil.

Vor mir steht unaufgefordert ein neues, frisch gezapftes Glas Bier. Das ist der Vorteil einer kleinen Eckkneipe. Der Nachteil besteht aber in den übrigen Gästen. Gerade betrat einer den Gastraum und erkannte mich offenbar irgendwie wieder. Aber mir kam er völlig unbekannt vor. Er setzte sich einfach an meinen Tisch. „Sie sind doch der … äh … äh … äh“, begann er ganz selbstverständlich das Gespräch. Ich wollte es ihm nicht zu leicht machen und schaute ihn mir aufmerksam an. Er war die Unauffälligkeit in Person. Morgen werde ich ihn überhaupt nicht mehr beschreiben können.

Er schob mir ein nicht mehr ganz frisches Foto herüber. Schlagartig war mein Interesse als virtueller Experimential-Archäologe geweckt. Auf ihm schwebte ein Avatar über einer völlig leeren Sim. Sie muss früher bebaut gewesen sein. Seine Füße zeigten auf eine Höhe, in der sich üblicher Weise der Boden im Erdgeschoß befindet. Mit einem traurigen Blick flüsterte er: „Alles ist weg. Mein Haus, die Altstadt.“

„Aber du lebst doch noch.“ In einer echten Eckkneipe bekommt man ungefragt ein neues Bier wenn das Glas leer ist und man selber noch nicht unter dem Tisch liegt. Damit ist auch mein Weiterleben gesichert. Einer geistigen Eingebung folgend fragte ich ihn, ob er auch unter Rommel gedient hatte. Dabei dachte ich natürlich an Afrika. Als Student hatte ich bei abendlichen Kneipzügen viele alte Männer getroffen, die in ihren Brieftaschen Fotos von Afrika aufbewahrten und die sie selber in Deutscher Uniform zeigten.

Auch er war in Afrika gewesen. „In Afrika sind vielleicht viele deiner Kameraden gefallen, aber deine Wohnung zu hause ist unversehrt geblieben.“ Dann zeigte ich auf sein Second Life Bild. „Und was hast du hier wirklich verloren? Dein Haus war nur gemietet. Die Einrichtung befindet sich noch als Kopie in deinem Inventar. Dein virtuelles Geld geht nicht verloren, solange du es keiner Bank anvertraust. Und danach siehst du nicht aus“ Sein Gesicht hellte sich auf. Ich hatte mich wieder einmal weit aus dem Fenster gelehnt und und auf einen mir nicht näher bekannten Busch geklopft. Aber es war ein Volltreffer. Er begann von seinem Haus zu erzählen und endete bei seinen Möbeln und den Bildern an der Wand.

Ein Bier weiter zog sich ein Ausdruck von Glückseligkeit über sein Gesicht. Er hatte erst ein Jahr in dem Haus gewohnt. Es war ein altstädtischer Fachwerkbau mit zwei Etagen. Mich interessierte es schon sehr, welche Ausmaße diese Altstadt zu Lebzeiten besaß. Ich schrieb mir seine E-Mail-Adresse auf. Er war sich sicher, dass er die in seinem Inventar befindlichen Slurl der ehemaligen Altstadt noch nicht gelöscht hatte. Auch das elektronische Original seines Fotos hatte er noch nicht entsorgt. Ab und zu zahlt sich Unentschlossenheit eben doch aus.

Ein Bier nehmen wir noch, aber zahlen gleich. Die Eckkneipe befindet sich in der Realen Welt und dort muss man sich mühsam auf seinen eigenen Füßen nach hause schleppen. Aber der Abend hatte sich gelohnt, mal wieder einen Hinweis auf eine neue Gegend kennen gelernt, der vielleicht Ausgangspunkt einer Expedition werden könnte. Der Hinweis ist mit einem Augenzeugenbericht und einem Foto untermauert. Es gab schon schlechtere Startsituationen. Ich liebe solche kleinen Kneipen von nebenan. Man lernt immer wieder neue Leute und ihre Geschichten kennen. Und daraus das Ziel und den Schwerpunkt der nächsten Expedition formulieren.