Teleport zum Geisterdorf

Gerade ungewöhnliche Forschungsmethoden können ganz außerordentliche Ergebnisse hervorbringen.

Gerade ungewöhnliche Forschungsmethoden können ganz außerordentliche Ergebnisse hervorbringen.

Irgendwann zwischen Mitternacht und Mitternacht, als ich forschend auf einer verlassenen, nebelverhangenen Parzelle rumstand, sprach mich ein großer, dunkler, ziemlich rechteckiger Avatar an und erzählte mir – ohne dass ich was erwidern konnte – seine Geschichte. Ha! Wie gerne hätte ich diesen Ur-Avatar der interessierten Forschungsöffentlichkeit präsentiert! Doch bevor ich seinen Namen im Nebel recht erkennen konnte, war er wieder verschwunden. Spöttische Forschungskollegen werden jetzt natürlich behaupten, ich wäre in ein kleines Nickerchen gesunken und hätte alles nur geträumt! Das ist natürlich quatsch! Denn das Dorf, von dem der Ur-Avatar sprach, fand ich nur wenige hundert Meter weiter. Was er dort erlebte, gebe ich hier – so gut es mir noch in Erinnerung ist – im Dienste der Wissenschaft und allen Spöttern trotzend hier wieder.

Coming soon, aber seit wann?

Coming soon! Fragt sich nur: Wie lange schon?

Nie, verehrte Muji Zapedzki, werde ich den 27. April 2007 vergessen, den Tag, an dem wir im Känguruh-Land ankamen. Drehorgeln leierten, Kinder lachten, Schulglocken schrillten, Stimmen plapperten durcheinander, Drehorgeln leierten, Kinder lachten, Schulglocken schrillten, Stimmen plapperten durcheinander, Drehorgeln leierten, Kinder lachten, Schulglocken schrillen, Stim … Von einem Plakat herab pries ein Riesenrad ein Grand Opening an: „Prize Park, Adventureland – Coming soon”. Und mein Bruder seufzte: „Wenn wir nur die Augen schließen könnten, dann würden wie sie alle sehen, die Drehorgelspieler, die Kinder, die Lehrer, die Rummelbesucher, die Drehorgelspieler, die Ki …” Und dass er gerne hier bleiben würde, hier im Land der famosen Soundloops. „Mama, Papa, bitte?”

Vor drei Wochen hatten wir uns auf der Orientierungsinsel, in den ersten Minuten unseres Avatarlebens, einer spontanen Laune folgend zu einer Familie zusammengetan. „Wär’ doch witzig!”, hatte die zukünftige Mama behauptet. Und was Mama sagte, wurde fortan befolgt. Und Mama sagte: Eine Familie braucht ein Heim! Doch Wohnorte für Familien waren damals noch rar in Second Life.


Fußgängerhighway: Hier herrschte einst reger Fußgängerverkehr. Oft kam es zu gefährlichen Überholmanövern.

Fußgängerhighway: Hier muss einst reger Fußgängerverkehr geherrscht haben. Oft soll es gar zu gefährlichen Überholmanövern gekommen sein.

Doch wir hatten Glück: Im Känguruh-Land an einer kuschlig schmalen Straße mit zwei Fußgängerstreifen, hinterm immerblühenden Kirschbaum unserer zukünftigen Nachbarn stand es: Unser Traumhäuschen, witts end 5, mit Terrasse und integrierten Perserteppichen. Die allerdings waren, wie wir Kinder maulten, reine Stehteppiche. Sitzen, Liegen oder gar Rumwälzen war nicht vorgesehen. Dafür war die Miete bezahlbar.

Idyllischer Blick von der Terasse

Früher fielen immer wieder Avatare über die Geländer, so voll waren die Terrassen


Nachdem wir eine Woche Smilies blubbernd in unserem Haus rumgestanden hatten, holten wir uns aus dem Möbelladen im Dorf ein schwarzes Himmelbett, ein rosa Himmelbett, eine gestreifte Hängematte, eine braune Hängematte mit Himmel darüber, zwei Wecker, Nachttische, nochmal zwei Doppelbetten. Kurz gesagt: Wir kauften das gesamte Ladensortiment.


Manche Gäster unterhielten sich versehentlich mit unseren Animationskugeln.

Manche Gäste unterhielten sich versehentlich mit unseren großen, plüschigen Animationskugeln.

Die Nachbarn überhäuften uns mit Ravioli-Dosen und Muffins. Der Hit aber war ein Computer mit auswechselbarem Screen. “Selbst gemacht”, erklärte stolz der Kirschbaumnachbar. Das war groß! Mal spielten wir einen Sonnenuntergang drauf, mal ein Familienfoto, mal ein Foto vom Computer mit Foto vom Computer.

Im Dorfladen: Links leerstehende Häuser, hinten käufliche Busen.

Im Dorfladen: Links leerstehende Häuser, hinten käufliche Busen.


Und: wir erkundeten das Dorf: Im Schwimmbad krachten wir in uralte Splash-Animationen von 2004 hinein, wir kauften uns Stan Avatar, Kenny Avatar, Chartman Avatar und Kyle Avatar. Und waren fortan Stan, Kenny, Chartman, und Kyle. Unsere Nachbarin kaufte sich Busen! Wow! Das war ein Tag für uns Jungs!

Forscherfalle: Wenige Sekunden später werde ich in die Höhe katapultiert.

Forscherfalle: Nicht der Wachhund ist hier bissig, sondern der Mieter.

Die Häuser weiter unten am Fußgängerhighway waren verboten für uns Kinder. Sie hießen „mature” und angeblich geschahen „seltsame Dinge” in ihnen. Am Ende dieser Straße wohnte die verrufenste der verrufenen Familien. Hunderte von Alarmanlagen schützten ihre Villa. Zwei Wachhunde umkreisten das Haus. Ein Dobermann ließ sich gerne von jedem herzen, winselte, bis man den Garten betrat, damit er einen schwanzwedelnd abschlecken konnte. Und warum? Nur damit man nicht bemerkte, dass sich von hinten der Vermieter näherte und jeden Eindringling mit einem gewaltigen Fußtritt und einem „Get out of my fucking house” ins All schoss. Über 2000 Meter hoch.

Das Haus der Smiths steht schon lange leer. Haben die Tapeten sie irre gemacht?

Das weitläufige Haus der Smiths steht schon lange leer. Haben die Tapeten sie irre gemacht?

Kurz: Wir waren glücklich. Dachten wir. Bis zwei Wochen nach unserem Einzug die Smiths ins Dorf fielen und die prächtigste Villa mit den irrsten Tapeten der Welt bezogen. Die Smiths waren wirklich komische Leute mit komischen Ideen. Sie behaupteten Avatare von Avataren zu sein. Und während wir Dorfbewohner, so wie es die Höflichkeit gebietet, vor einem Logout stets erklärten, wir würden kurz Milch, Zigaretten oder besseres Wetter holen gehen, sagten die Smiths einfach nichts. Sie lösten sich von einer Sekunde auf die nächste in Luft auf. Und, wenn man sie das nächste Mal wieder sah, behaupteten sie, von Avataren höherer Ordnung entführt worden zu sein.

Beim ihrem Dorfrundgang fiel der Forschungsleiterin auch auf, dass die Bewohner hier ein kleines Prolbem mit Sitzgelegenheiten hatten.

Beim ihrem Dorfrundgang fiel der Forschungsleiterin auch auf, dass die Bewohner hier ein kleines Problem mit Sitzgelegenheiten hatten.


An den gemütlichen Abenden vor unserem Sonnenuntergangscomputer schwadronierten sie dann von diesem anderen Avatar-Ort. Dort – so erzählten sie – säßen die Avatare abends vor Computern rum, die auch funktionierten. Funktionierten? Wie? Was? Fragten wir mit unseren immergroßen Augen. Sie lachten nur spöttisch. Und erklärten so nebenbei den größten Quatsch. Also dort, so sagten sie, dort müssten Avatare nicht jeden Abend gelangweilt den immergleichen Sonnenuntergang anstarren. „He, he, wir können auch was anderes draufspielen”, rief mein Bruder beleidigt. Die Smiths winkten ab. Die Avatare dort hätten ganz andere Computer. Computer, mit denen man wirklich etwas anfangen konnte. Mit diesen Computern loggten sich diese Avatare abends in eine Welt ein, die haargenau der unseren gliche, sie legten sich selbst Avatare an. Und diese Avatare ließen sie dann lauschige Häuschen mieten und ulkige Gespräche führen, Gespräche genau wie das unsere. Und jetzt, da seien sich die Smiths eigentlich sicher, jetzt kugelten sie sich wahrscheinlich vor Lachen, dass ihre Avatare – genau wie wir – vor einem Computer mit dem immergleichen Sonnenuntergang säßen. Sagten sie. Obwohl mein Bruder längst einen gerade gemachten Schnappschuss von den Smiths auf den Computer gespielt hatte.

Unsere früheren ekstatischen Parties hingen nur noch als Fotos an der Wand.

Durfte bei keiner Party fehlen: die Partygästetapete.

Auch wenn natürlich keiner von uns diesen abstrusen Geschichten Glauben schenkte, so machten sie doch unsere manchmal etwas langwierigen Abende erträglicher. Und so waren die Smiths trotz ihrer Seltsamkeit überaus beliebt im Dorf. Doch eines Tages kamen sie nicht wieder. Und sie kamen auch am nächsten Tag nicht wieder. Und nicht am Tag darauf, nicht die Woche darauf. Und so saßen wir abends stumm vor unseren Sonnenuntergängen, Stan hatte sich eine Strickanimation besorgt, doch es wollte nicht mehr die rechte Gemütlichkeit aufkommen. Überhaupt nicht. Unmerklich wurden wir immer trauriger.

Verzweifelter Ruf nach Nachbarn

Verzweifeltes Angebot eines Nachbarlosen

Und nicht nur wir, die Traurigkeit sickerte tief in die ganze Gegend ein. Außerhalb des Dorfes wurden ganze Landstriche verlassen. Immer mehr Avatare flohen die Gegend, man sah sie nie wieder. Viele Nachbarn zogen aus, ohne neue Anschriften zu hinterlassen. Von keinem hörte man je wieder was. Zuletzt blieben nur noch wir übrig und die verrufenste der verrufenen Familien in ihrer Alarmanlagenvilla. Dann blieb nur noch ich und die verrufenste der verrufenen Familien übrig. Und wenige Tage später zog ich in die nun leer stehende, verrufenste der verrufenen Alarmanlagenvillen.

Mit einem Second-Life-fähigen Notebook könnten sich viele Dorfbewohner einen Traum erfüllen: Das Haus der Smiths beziehen.

Mit einem Second-Life-fähigen Notebook hätte sich mancher Dorfbewohner einen Traum erfüllen können: Das teure Haus der Smiths beziehen.

Inzwischen stehen die meisten Häuser das ganze Jahr über leer. Und an meinen vielen einsamen Abenden, frage ich mich manchmal, ob die Smiths nicht vielleicht doch die Wahrheit gesagt hatten. Ob wir vielleicht wirklich nur Avatare von Avataren höherer Ordnung sind. Hey, rufe ich dann laut zur Zimmerdecke hinauf: „Hey, ihre Avatare höherer Ordnung, hört ihr mich? Was macht ihr gerade? Ist euch nicht todlangweilig so ganz ohne uns? Starrt ihr auf Sonnenuntergänge in Computern? Also wenn ich die Wahl hätte, ihr Avatare höherer Ordnung, also ich an eurer Stelle würde sofort und jederzeit mir einen eigenen Avatar anlegen, ihm ein Haus mieten und ihm einen Computer mit einem Sonnenuntergang kaufen, und dann würde ich mir angucken, wie mein Avatar auf den Sonnenuntergang starrt, jaha”. Oft sitze sich derart deklamierend vor meinem Computer mit dem Sonnenuntergang, bedauere die Avatare höhere Ordnung und warte drauf, dass die Alarmanlage mal angeht.